Ein Best-Practice-Szenario für die Erschließung historischer Wissens- und Gebrauchsliteratur als Open Data

In Wikiversity erstveröffentlichter Wikimedia-Wettbewerbsbeitrag

Projektbeschreibung

Das Wissen über die Welt und den menschlichen Umgang mit dieser, über praktische Fähigkeiten und theoretische Erkenntnisse, wurden über Jahrhunderte in Handschriften gesammelt und verfügbar gemacht. Die ältesten deutschen Wissens- und Gebrauchstexte stammen noch aus Althochdeutscher Zeit (8. – 11. Jahrhundert) und besonders in Frühneuhochdeutscher Zeit (ca. 1350¬1650), wächst die Anzahl der Texte und Themengebiete rapide. Immer neue Wissensbereiche wurden in deutscher Sprache erschlossen und ein Großteil der spätmittelalterlichen deutschen Handschriften enthält Wissens- und Gebrauchstexte. Dennoch stehen diese Texte nicht im Zentrum germanistischer Forschung und sind – auch aufgrund ihrer Diversität und Komplexität – wesentlich schlechter erschlossen als literarische Texte. In meiner Forschung versuche ich diese Wissenslücke zu schließen und bislang vernachlässigte Textsorten, wie etwa Losbücher, Kalender, Geomantien, Textamulette, Tintenrezepte oder Anleitungen zur Dämonenbeschwörung (auch hier, hier und hier) so zu erschließen, dass sie von Fachkollegen, aber auch einem größeren Publikum, aufgefunden, gelesen und verstanden werden können. Dies soll auch dazu dienen die Überlieferung dieser Texte und damit die geographische wir soziale Verbreitung historischer Wissensbestände nachvollziehbar zu machen. Ein großes Problem ist dabei die mangelnde Referenzierbarkeit der Texte, die aufgrund ihrer Form (bspw. Rezepte) oder ihre Unbekanntheit keine etablierten Titel haben, in den einschlägigen Fachlexika (Verfasserlexikon) nicht erfasst sind und auch innerhalb der Forschungsliteratur unterschiedlich bezeichnet werden. Im digitalen Umgang mit diesen Texten verstärkt sich dieses Problem, da handschriftlich überlieferte deutsche Texte überhaupt nur in Ausnahmefällen über Normdaten oder andere Linked-Open-Data-Formate erschlossen sind.

Im Rahmen des Fellow-Programm Freies Wissen soll ein Best-Practice-Szenario für die Erschließung historischer Wissens- und Gebrauchsliteratur als Open Data entwickelt werden. Dieses schließt an bisherige Arbeiten zu den Losbüchern und Chiromantien sowie der laufenden Katalogisierung der illustrierten mantischen Prognostiken für den Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften an und soll die deutschsprachigen mantischen Texte des Spätmittelalters einem breiteren Publikum erschließen und Forschungsdaten nachnutzbar machen. Dazu ist eine Kombination aus Open-Access-Forschungsbeiträgen, der Überarbeitung von Wikipedia-Artikeln, der Veröffentlichung von Handschriftenabbildungen (im Archive und in Wikimedia Commons) sowie der Generierung von offen zugänglichen Erschließungsdaten vorgesehen. Dabei sollen Erschließungsdaten zu deutschsprachigen Wissens- und Gebrauchstexten des 14. bis 16. Jahrhunderts erstmals in der FactGrid-Datenbank und damit auf einer Wikibase-Instanz erfasst werden. Über die FactGrid-Datenbank sollen nicht nur einzelne Texte dauerhaft und eindeutig identifizierbar gemacht, sondern auch verschiedene digitale (Handschriftendatenbanken, Bibliothekskataloge, Handschriftendigitalisate) und analoge (Forschungsliteratur) Angebote vernetzt werden, sodass Informationen zu einzelnen Texten zentral auffindbar sind. Gleichzeitig ermöglicht die Erfassung von Textereignissen einzelner Handschriften und Werken in FactGrid auch eine maschinelle Auswertung und Visualisierung dieser Daten.

Im Projektzeitraum der Fellow-Programm steht vor allem die Aufbereitung der bereits erschlossenen Daten zu den Losbüchern und Chiromantien für das FactGrid-Repository und die Entwicklung von Arbeitsroutinen zu Integration der Daten im Vordergrund. Über Vorträge, unter anderem im Netzwerk Historische Wissens und Gebrauchsliteratur soll das Projekt während dieser Zeit bekannt gemacht und mit einem Beitrag in der Open-Access-Zeitschrift „Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte“ vorläufig abgeschlossen werden.

Meilensteine

  1. Entwicklung eines Modells der Datenstruktur für die Einträge in FactGrid
  2. Entwicklung eines Routine zur Aufbereitung und Intergration der Daten
  3. Intergration der Daten zu den Chiromantien [student. Hilfskraft]
  4. Intergration der Daten der Dissertation (Das Losbuch. Manuskriptologie einer Textsorte des 14.-16. Jahrhundert. 2018) [student. Hilfskraft]
  5. Zeitschriftenbeitrag zur Überlieferung der deutschsprachigen Chiromantien bis ca. 1520
  6. Überarbeitung des Wikipedia-Artikels ‘Chiromantie’
  7. Zeitschrftenbeitrag über Projekt

Zwischenbericht Oktober/November 2020

Die Monate Oktober und November dienten vor allem zur organisatorischen Vorbereitung der Forschungsarbeit:

1. Personal:

Zunächst war unklar, ob und auf welche Wiese eine studentische Hilfskraft eingestellt werden kann. Dies ist nun über den Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literatur der RWTH Aachen möglich. Der Abschluss eines Arbeitsvertrags ist aber erst dann sinnvoll, wenn die gesamt Summe des Stipendiums ausgezahlt wurde. Ansonsten wäre die Laufzeit zu kurz.

2. Forschungscommunity:

Aus einer seit 2019 bestehenden losen Forschergruppe heraus, haben wir am 4.10.2020 den Verein Netzwerk Historische Wissens- und Gebrauchsliteratur] (HWGL) gegründet und ich habe dessen Vorsitz übernommen. Der Verein organisiert regelmäßig Netzwerktreffen, in denen auch die kollaborative Datenspeicherung abgesprochen wird. Es besteht bereits ein von mir betriebenes Wiki. Ob sich FactGrid als Erweiterung desselben eignet, soll in diesem Projekt erkundet werden.

3. Datenmodell/Workshop:

Das Datenmodell soll gleichzeitig praktikabel und theoretisch fundiert sein. Es muss daher mit der Forschungscomunity abgestimmt werden. Einen ersten Entwurf werde ich am 10.12.2020 auf dem 1. HWGL-Abendkolloquium vorstellen. Auf einem Workshop im Rahmen des (virtuelles) Netzwerktreffen Historische Wissens- und Gebrauchsliteratur (08.-11.01.2021) soll der praktische Umgang mit diesem erprobt werden. Ich bin auch an der Organisation beider Veranstaltungen beteiligt. Bei der Gestaltung des Datenmodells sind auch rechtliche Aspekte wichtig. Ursprünglich war ein Import der gesamten Datenbestände des Handschriftencensus angedacht. Dies ist aus rechtlichen Gründen (Unterschiede in der Lizensierung), jedoch nicht möglich. Ein Import von Daten scheint mir nur dann rechtlich zulässig, wenn das Datenmodell der FactGrid Datenbank sich wesentlich von dem des Handschriftencensus unterscheidet.

4. Thematisch relevante Publikationen:

    • Zu den Artikel ‘Sortes’ und ‘German Texts on Superstition’ des Handbuchs Prognostication in the Medieval World mussten noch die Fahnen korrigiert werden. Das Handbuch ist am 09.11.2020 erschienen.
    • Das Manuskript eines Beitrags zur Analyse von handschriftlich Überliefertem mittels Graph-Datenbanken, habe ich im September abgeschlossen. Dieser Beitrag hat Einfluss auf das Datenmodell in FactGrid, denn die dort entwickelten Analyseprozesse sollen auch mit den späteren FactGrid-Daten möglich sein. Der Artikel wird in der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften erscheinen und wird derzeit redaktionell eingearbeitet.
    • Gemeinsam mit Björn Reich und Matthias Standke gebe ich einen Sammelband mit Editionen früher gedruckter Losbücher heraus. Die eingereichten Texte werden von uns redigiert. Die Erschließungsdaten der Losbücher, die ich hauptsächlich bereits in meiner Dissertation erfasst habe, werden einer der ersten Datenbestände sein, die in FactGrid importiert werden.
    • Die Erschließungsarbeit für den Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften der Bayerischen Akademie der Wissenschaften läuft weiter. Auch die Dabei gewonnenen Daten sollen in FactGrid importiert werden.

5. Wissenschaftskommunikation:

Meine Mentorin Anita Runge hat mich durch ihre Perspektive auf meine Forschung davon Überzeugt, dass deren Gegenstände und Ergebnisse auch für ein breiteres Publikum interessant sind. Ich versuche mich daher stärker im Bereich Wissenschaftskommunikation zu engagieren.

    • Bereits seit Anfang des Jahres läuft die Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zur Ausstellung Zeichen der Zukunft. Wahrsagen in Ostasien und Europa, die eigentlich Anfang Dezember 2020 eröffnet werden sollte. Für den Katalog zur Ausstellung habe ich drei Artikel verfasst.
    • Im Januar werde ich für eine Folge des Podcasts Anno PunktPunktPunkt zum Thema Zukunftsprognostik im 15. Jahrhundert zwischen Aberglaube, Wissenschaft und Spiel. Zur Beziehung zwischen Diskurswandel und Medienwandel interviewt. Die Folge soll im Februar 2021 erscheinen.
    • An der Universität Salzburg werde ich am 13.1.2021 einen Gastvortrag zum Thema Kristallsehen. Praktiken und Erklärungsmodelle von der Antike bis heute halten.

Bild:

Konrad Bollstatter: ‘Complexiones-Würfelbuch’
Augsburg 1455
Schreiber: Konrad Bollstatter, Illustrationen: Werkstatt Johannes Bämler
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 312, fol. 51v-52r
(Bild: Bayerische Staatsbibliothek, Montage: Marco Heiles, Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0)

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