Die Absolventen des Gothaer Gymnasiums Illustre/ Ernestinum 1524 – 1882

Nach den Pfarrern des Gothaer Territoriums (und ihren Ehefrauen, beidseitigen Eltern, Kindern und deren Ehepartnern – insgesamt gut 15.000 Datenbankobjekten) legt Heino Richard hiermit einen zweiten, quer durch diese Gruppe reichenden Datensatz vor: Die Absolventen des Gymnasiums Illustre Gotha/ Ernestinum.

Primär erfasst sind dabei nach den Listen, die Max Scheider und im Nachtrag Ulrich Lutzkat vorlegten: 4215 Schüler von der Frühphase des am 21. Dezember 1524 gegründeten Gymnasiums bis in den Abschlussjahrgang des Septembers 1882. Von diesen waren uns 872 Schüler bereits bekannt, davon

  • 7 aus der Gothaer Illuminatenforschung
  • 21 aus den Gothaer Adressbüchern der Jahre 1828, 1843 und 1846
  • 17 aus dem Gothaer Wählervereichnis von 1849
  • 810 aus dem erwähnten Projekt der Sachsen-Gothaischen Pfarrer

…wobei die Adressbücher uns nach wie vor vor das Problem stellen, dass wir aus ihnen Personen zwar mit Adress- und Berufsangaben aber weitgehend ohne Vornamen bezogen. Die Identifikation kommt hier nur zäh voran.

3343 Personen kamen neu hinzu und zogen dabei 279 neue Väter mit sich, macht unter dem Strich 3622 neue Personen (zwei besonders prominente Neuankömmlinge sind der Absolvent Christian Gryphius mit seinem Vater, dem noch berühmteren Dichter, Andreas).

Die Überlappungen waren ein attraktives Moment des Projektes. Mit jeder von ihnen stabilisierten sich Identifikationen und kamen Hintergrunddaten hinzu, oft zu bislang nur spärlich beleuchteten Personen.

Mit den folgenden beiden Datenbankabfragen werden alle uns bekannten Schüler aufgelistet (es sind derzeit zwei Handvoll mehr, dank einiger bekannter Schüler, die früher abgingen):

Geburtsdaten, Herkunftsorte, Familienbeziehungen, besuchte Universitäten, Berufe…

Wie schon im Fall des Pfarrerbuchs so sind die Daten der Schülerschaft des Gymnasiums Illustre/ Ernestinum, vor alle ein offenes Angebot an die Forschung. Alle erfassten Personen stattete Heino Richard mit Geburtsdaten aus – entweder aus den vorliegenden Quellen oder über eine Rückrechnung (die, wo wir sie vornahmen, durchweg im qualifizierenden Statement zur Genauigkeit der Angabe vermerkt ist; wir gingen dabei von einer 20-Jahres-Differenz als Regelfall aus, das legten die notierten Daten nahe).

Der Artikel der deutschen Wikipedia zum Gymnasium notiert:

Im 17. Jahrhundert wurde das Gymnasium durch Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg weiterhin gefördert. Er bot Söhnen verfolgter Lutheraner aus Ungarn, Schlesien, Polen, Russland und Skandinavien Asyl, die am hiesigen Gymnasium lernten. [abgerufen 2021-04-21]

Das lässt sich nun präzisieren. Skandinavien (sieht man von einigen Dänen ab) erscheint hier nicht, Schlesien und die ehemaligen deutschen Ostgebiete im heutigen Polen sowie, als Randlage, Ungarn jedoch schon (zudem im 19. Jahrhundert auch ein Schüler aus der Karibik). Näher hinein-gezoomt zeichnet sich dann aber das Sachsen-Gotha-Altenburgisch und Coburgischen Territorium ab. Allein 1462 der 4215 Absolventen kamen unmittelbar aus Gotha, die meisten waren „Landeskinder“, Söhne von Amtsleuten und Pfarrern der Dörfer des Territoriums.

Einzugsgebiet des Gothaer Gymnasiums Illustre/ Ernestinum, https://tinyurl.com/yezpgqds

Noch immer sind die Berufe im FactGrid ein schlecht organisiertes Feld. Eine Tiefenstrukturierung nach Studiengängen und sozialem Stand bleibt ein Desiderat (uns fehlt im selben Moment das technische Wissen, wie man elegant Hintergrundinformationen zu Berufen in Suchen für statistische Auswertungen nutzen würde).

Konsequent erfasst sind dagegen die genealogischen Hintergrundinformationen. Sie müssten Langzeitvisualisierungen der familiären Netzwerke zulassen. Hier ist vor allem unklar, wie man Datenvisualisierungen im historischen Verlauf gestalten sollte – eine Herausforderung für SPARQL-Könner und Tool-Programmierer. Unklar ist uns im selben Moment, wie wir Informationen in Zeitschnitten abrufen würden, etwa um jahrzehntweise Veränderungen zu erfassen.

Einladung an die Bildungsgeschichte sich dieses Zettelkastens zu bedienen

Die im Moment zu den 4215 Datenbankobjekten verfügbaren Hintergrunddaten sind noch von sehr unterschiedlicher Qualität, zum Teil ist das der Quellenlage geschuldet. Mal verfügen wir über die Angaben der Adressen und können sagen, wer 1848 in denselben Häusern noch wohnte, mal verfügen wir über Generationen hinweg über ausgiebige genealogische Informationen. Bei vielen Personen sind die Hintergrundinformationen zu Karrierewegen im Moment nur angeschnitten (und in den Pfarrerbüchern wie in Max Schneiders Listen ausführlicher vorhanden). Überall jedoch ist die Quelle zur weiterführenden Information verlinkt, oft bis ins Digitalisate hinein.

Projekte der Bildungsgeschichte, auf der Suche nach einem ergiebigen Untersuchungsgegenstand sollten hier eine extrem praktische Vorarbeit entdecken. Gothas Gymnasium Illustre/ Ernestinum bietet eine noch weitgehend unerschlossene archivalische Überlieferung von 8,3 laufenden Regalmetern im Thüringischen Staatsarchiv Gotha mit extremer Datendichte – darin finden sich:

  • Dokumente zum Unterricht in den verschiedenen Fachgebieten von Griechisch bis Turnen ab der Frühphase
  • Schulordnungen ab 1641
  • Akten der Lehrer mit Gehaltsinformationen ab 1837 ff.
  • Zeugnislisten der Jahrgänge 1641 bis 1946
  • Informationen über „spezielle Verhältnisse der Schüler“ ab 1837
  • Akten zur Finanzierung des Gymnasiums ab 1772

(Hier das elektronische Findbuch zu diesen Beständen.) Spektakulär sind in diesem Bestand die Zeugnislisten mit ihren Beurteilungen der Leistungen im Wandel der Beurteilungskriterien und Fächer. Aus ihnen wird nebenbei ersichtlich, wie die Schule Unterricht organisierte. Man kann mit diesen Listen im Detail Schülerkarrieren – auch die der Schüler, die nicht bis zum Abschluss kamen und uns bislang fehlen – Schuljahr für Schuljahr nachvollziehen.

Zeugnisliste des Gymnasiums Illustre aus dem Thüringischen Staatsarchiv Gotha

Das FactGrid sollte in seinen Datenstrukturen so angenehm frei modellierbar sein, dass es Projekte, die diesen Aktenbestand angehen, anziehen sollte, mit dem Geschenk des fertigen Rasters, von dem aus sich beliebig viel tiefer in die archivalische Datenerhebung einsteigen lässt.


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