Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer, Jesuiten, Alchemisten, Mesmeristen… — die verloren gegangene Bibliothek des letzten illuminatischen Ordensprovinzials

Johann Joachim Christoph Bode starb am 13. Dezember 1793, zwei Stunden vor Mitternacht – wohl an den Folgen der Zahn- und Kieferentzündungen, die ihm seit Jahren mit Anfällen von „Flußfieber und Zahnschmerzen” zu schaffen machten. Damit kam in Gang, was 1787/88 entschieden worden war.

Im Herbst 1787 hatte Bode von Weimar aus wieder einmal Gotha besucht. Seine Arbeit des letzten halben Jahrzehnts lag in Trümmern. Noch im Sommer hatte er sich in Paris bemüht, die Illuminaten aus der Schusslinie zu ziehen: „Philadelphen“ sollten sie in Zukunft, und damit endlich wieder geheim, heißen. Seit 1785 war mit „Illuminaten“ kein Geheimnis mehr zu machen. Bayerns Staat hatte alle Geheimorden und insbesondere diesen verboten. Bode hatte dessen ungeachtet als Provinzial „Ioniens“, Obersachsens, weiterhin Mitglieder aufgenommen. Niemand konnte schließlich wissen, ob es diese bayerischen Illuminaten wirklich gab. Doch die Publikationen Weishaupts hatten dann 1786 zunehmend alle interessanten Karten auf den Tisch gelegt. Die von Weishaupt publizierten Gradschriften offenbarten gerade das, was Mitgliedern auf dem Weg in das Geheimnis des Ordens erst entdeckt werden sollte. Während Bode in Paris war, hatte, vollendet verheerend, der bayerische Staat nachgelegt und nun Weishaupt mit seinen Mitstreitern durch zwei Bände von Offenlegungen konfiszierter Akten persönlich unmöglich gemacht.

Der Orden war im Herbst 1787 tot. Zuviel war jetzt publiziert. Für Bode war die Zeit gekommen, aus den eigenen Akten die Dinge richtigzustellen – so lautete wohl sein Vorschlag 1787 gegenüber Ernst II., dem Gothaer Herzog. Dieser, in der Hierarchie als „deutscher National“ eine Stufe über ihm, verbat jede weitere Publikation. Der Orden hatte seinen Mitgliedern Diskretion abverlangt und war diese ihnen im Gegenzug schuldig. Im März 1788 machte Ernst II. auf Besuch in Weimar die Sache mit Bode perfekt: Er würde ihm das gesamte illuminatische Archiv für 1500 Reichsthaler abkaufen. Die Transaktion würde nach seinem Tode stattfinden und Bode eine Geldsumme bescheren, über die er jetzt testamentarisch verfügen konnte. Bode notierte das Arrangement mit Zerknirschung Ende März im Tagebuch:

29 u 30. Daran gearbeitet meine Briefe, und auch die Ordenspapiere in eine erträgliche Ordnung zu bringen. Wolle nur der Himmel, daß diese Arbeit nicht dadurch vergebens gemacht werde, daß ihr künftiger Besitzer der Herzog von Gotha, solche dem Publikum vorenthält. [full transcript]

Genau darum ging es Ernst: diese Papiere dauerhaft der Nachwelt zu entziehen, wenn auch nicht schon zu vernichten.

Am 14. Dezember 1793 übermittelte Christian Gottlob von Voigt die Nachricht von Bodes Tod nach Gotha. Als Nachlassverwalter übernahm er die Inventarisierung des Bestandes und erfasste dabei nicht nur Freimaurer- und Illuminatenakten, sondern auch Bodes einschlägige Bibliothek.


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Bodes geheime Privatbibliothek

Aus Bodes freimaurerischen und illuminatischen Akten wurde im Zuge der Ereignisse, die am 14. Dezember 1793 in Gang kamen, die „Schwedenkiste“ – jener Aktenbestand, der seit den 1990er Jahren Forscher auf sich zieht, weil hier weitgehend konsistent die ganze interne Dokumentation der letzten funktionierenden Ordensprovinz vorliegt. Die Geschichte der Akten ist verwickelt: Ernst II. hielt Wort; Bodes freimaurerischer Nachlass ging an ihn im Gegenzug für die versprochenen 1500 Reichsthaler. Zwei Kisten wurden am 13. Januar 1794 von Heinrich August Ottokar Reichard in Weimar übernommen und nach Gotha überführt, wo sie dann erst einmal auf ein Jahrzehnt verschlossen blieben. Erst mit dem Tod Ernst II., 1804, wurden diese Kisten geöffnet, nun, um aus Ernsts Besitz noch Bücher hinzuzufügen: spektakuläre esoterische und alchemistische Handschriften, mit denen Ernst nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Nicht alles passte in Bodes zwei Kisten. Zielort der drei Kisten, die man wenig später auf die Reise schickte, war das Archiv der Schwedischen Großloge in Stockholm.

Als 1880/81 Gothas Loge diesen Bestand zurückforderte, sollte nur eine Kiste zurückkommen – die „Schwedenkiste“, in deren Zentrum seitdem die illuminatische Buchführung der Provinz Ioniens steht.

Bodes und Ernsts Bibliotheken blieben in Stockholm. Diejenige Bodes lässt sich dabei dank von Voigts Inventar weitaus präziser vermessen als die Ernsts. Das Inventar, das wir als einfache pdf mitliefern liegt noch immer im Archiv der schwedischen Großloge in Stockholm. Die obskure Bibliothek Ernsts II. ist dagegen erst einmal ein Rätsel. Sie reiste unkatalogisiert und wurde dem Logenbesitz ohne weitere Kennzeichnung einverleibt, doch lässt sich auch sie in Umrissen skizzieren; sie liegt heute vor allem unter den Signaturgruppen Tyskland und Esoterica in Stockholms Logenarchiv, wie wir seit einer Forschungsreise 2019 wissen.

Im Folgenden geht es mir ausschließlich um Bodes Bibliothek, die sich dank des Inventars und dank der Tatsache, dass hier vor allem Druckschriften zu notieren sind (keine unikalen Prachthandschriften), relativ leicht in effige nachbilden lässt.

Julia Mös erfasste im Projekt der Arbeitsstelle Illuminatenforschung am Forschungszentrum Gotha die Titel dieses Inventars und legte dabei einen ersten Abgleich mit in öffentlichen Bibliotheken katalogisierten Ausgaben vor. Dieser liegt hiermit in Datenbankobjekten vor, die sich jetzt beliebig vernetzen lassen.

Auf die bibliographischen Kerndaten in Form von bereits durchgeführten Datenbankvernetzungen verzichteten wir zugunsten einer extensiven Katalogverortung, über die man all diese Angaben theoretisch jederzeit in einer Datenbankabfrage erhalten könnte. Die Verlinkung mit PPN-Nummern sowie VD16, VD17 und VD18 Signaturen dient vor allem der Identifikation der Auflagen. Digitalisate können wir im selben Moment auf dem kürzesten Weg mit den Datenbankobjekten verfügbar machen, wenn auch nicht solche der Stockholmer Exemplare.

Einige Worte zu Bodes Bibliothek.

Von Voigts Liste ist in sechs Zählungen untergliedert; die ersten drei bilden dabei einen engeren Zusammenhang als freimaurerische Schriften:

  1. Freimaurer Schrifften [278 Einträge]
  2. Freimaurer Reden [75 Einträge]
  3. Freimaurer Gedichte [48 Einträge]
  4. Rosenkreutzer [161 Einträge]
  5. Jesuiten [68 Einträge]
  6. Magnetismus [16 Einträge]

Es ist unklar, ob Bode die Kategorien selbst so betitelte. Die Sektion „Rosenkreuzer“ umfasst etwa Alchemie im breiten Spektrum. Unter den Jesuitica findet sich vor allem Religion, die aus einer lutherisch orthodoxen Grundposition gefährlich anmutet; die Herrenhuter fallen dabei mitten unter die Jesuiten. Bei den Schriften zum Magnetismus geht es natürlich nicht um klassische Physik, sondern um die aktuellen Theorien zum animalischen Magnetismus, um die „Attraktion magnetischer Seelenkräfte“, die in Heilverfahren eingesetzt werden sollen, um Hypnosen, in denen Ärzte Patientinnen „magnetische Kuren“ angedeihen lassen. Unsere Version notiert zwar die Nummern mit den Rubriken, zählt jedoch daneben unabhängig von 1 bis 763, eine Zählung, die Einzelbänden eigenen Rang gibt, wo Bode mit Kleinbuchstaben untergliederte (seine originale Zählung ist jedoch als Invetar-Nummer laufend mitgegeben).

Die folgende Suche gibt die Liste von Voigts in ihrer Organisation wieder und nützt bei allem Weiteren als Basissuche:

Alle komplexeren Listen werden länger, wo immer es mehrere Einträge auf eine einzelne Anfrage gibt – etwa mehrere zu nennende Digitalisate. Die Mehrfachaussagen sind jeweils in weiteren Zeilen zur selben Q-Nummer des Objektes notiert. Die nachfolgende Suche bietet so etwa die Auflagen, Publikationsorte, Publikationsdaten, ihre Nachweise in Katalogen, verfügbare Digitalisate. Praktisch ist sie vor allem, um über sie direkten Zugriff auf Digitalisate nehmen lässt.

Die Suchen lassen sich (am rechten Rand das Menü dazu) editieren, so dass man Fragestellungen in immer weiteren Spalten erweitern kann. Die Datenbank erlaubt im selben Moment Suchen, die über die gängigen hinausgehen.

Bode übersetzte beruflich, er reiste zwei mal nach Paris in freimaurerischer Mission, seine Bibliothek erweist sich als entsprechend international aufgestellt:

Interessantester ist die chronologische Distribution der Bibliothek. Sie macht sichtbar, was bereits die Erfahrung beim Durchblättern des Inventars ist: Bode kaufte vor allem aktuelle Bücher. Den Spitzenwert nimmt dabei das Jahr 1787 ein (im mouseover werden die Jahre angezeigt, die hier in WordPress eingebettete Suche drängt die Beschriftungen der Zeitachse leider unleserlich zusammen). Der letzte Titel stammt aus dem Jahr 1794; Bücher erschienen immer wieder vordatiert, um noch im kommenden Jahr als aktuelle Titel im Raum zu stehen:

Alte Titel finden sich besonders im Feld der Rosenkreuzerischen Schriften – ein Indiz dafür, dass Bode hier weit über die Feindbeobachtung hinausging. Alchemie beschäftigte ihn offensichtlich längst als Curiosum mit dem Interesse, Obskures der letzten Jahrhunderte aufzutreiben. Goethes Faust steigt in diese Ära hinab. Kostbarer und weitaus auffälliger sind in diesem esoterisch-alchemistischen Feld indes die Titel, die in Stockholm Ernst II. zuzuordnen sein dürften: Prachthandschriften, die im 18. Jahrhundert in den jeweiligen Zirkeln als Geheimschriften – abseits des Druckmarktes – kursierten. Hier scheinen sich Ernst II. und Bode als Buchliebhaber begegnet zu sein. Aus der brieflichen Korrespondenz wird zuweilen ersichtlich, dass Bode gezielt auf Reisen sammelte und davon Ernst in Kenntnis setzte – vielleicht als Abnehmer besonders kostbarer Stücke. Hier Bodes gesamte Bibliothek chronologisch geordnet, die undatierten Titel stehen dabei zu Anfang:

To do

Vieles ist für uns im Moment experimentelles Gelände. Auf den ersten Blick fehlt uns eine Suchschablone wie Bibliotheken sie verwenden. Vor allem fehlt uns die bibliothekarische Expertise, mit der über die PPN- und VD-Nummern unseren Items Metadaten zuordnen könnten.

Unsere Liste macht vorerst vor allem den interaktiven Umgang mit der unbekannten Bibliothek möglich. Es ist von hier aus vergleichsweise leicht, Vernetzungen in ganz beliebigen weiterführenden jeweiligen Forschungsinteressen vorzunehmen. Wer über ein Konto verfügt, kann, mit dieser Liste sich zwischen Digitalisaten fortbewegend Verknüpfungen vornehmen – andere Digitalisate notieren, Themen verschlagworten, Bibliotheksstandorte festhalten, Titel vernetzen, etwa mit Verlagen oder zeitgenössischen Rezensionen. Vor allem lassen sich mit dem eigenen Nutzerkonto im Abgleich mit von Voigts Inventar und den Beständen im Stockholmer Archiv Korrekturen vornehmen – ohne den Umweg einer Email an „die Herausgeber“ dieser Liste. Unser Interesse ist es hier vor allem, die Materialgrundlagen für Fachleute möglichst direkt bearbeitbar zu machen.

Spannend sind für uns dabei insbesondere technisch versierte Materialerschließungen, Materialanalysen, zu denen Fachleute mit Data-Mining und in komplexeren Visualisierungen in der Lage sind.

Das konkretere Ziel dieser Arbeit bleibt die Erschließung der gesamten Materiallage, in der sich die Bibliothek Bodes verhedderte: Sie gelangte in das Gefüge der Materialien, die hier mitsamt den Illuminatenakten aus der öffentlichen Wahrnehmung gerieten. Wir stehen hier vor einer spannende Bibliothek, der eines Marktinsiders, wenn man die Welt der freimaurerischen und konkurrierenden Verbindungen einmal als Markt erfassen will. Bode bewegte sich auf diesem Markt genussvoll und mit enormer Neugier bis an sein Lebensende. Wir begegnen hier zudem einer Bibliothek der persönlichen Beobachtungen – es finden sich unter den Autoren und unter den Betroffenen der Bücher Menschen, mit denen Bode in Austausch stand. Eine interessante Durchdringung wird Bodes Kontaktnetz mit diesem Informationspool abgleichen, irgendwann in der Zukunft. Im Moment ist es schon interessant genug, dass wir auf diese Weise, dank der fortscheitenden Digitalisierung der frühmodernen Buchproduktion nun vom Schreibtisch Bibliotheken wie diese rekonstruieren und durchstöbern können.


PS. My special thanks to Bruno Belhoste for the script of the library’s time profile.

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